Mein Gastkommentar für die Tiroler Tageszeitung zum Katastrophensommer 2021:

Nach den verheerenden Waldbränden von Kanada bis Russland und schwersten Überschwemmungen und Murenabgängen in China, Deutschland und Salzburg haben es auch die letzten Zweifler begriffen: Der Klimawandel steht nicht vor der Tür, er sitzt bereits im Wohnzimmer, mit den dreckigen Stiefeln auf dem Couchtisch. Dass der Klimawandel schon länger angekommen ist, hätten wir aber in den vergangenen 30 Jahren sehen, fühlen und sogar hören können. Grillen zirpen seit der Jahrtausendwende auf über 1000m, Zecken beißen bereits auf über 1600m und das derzeit höchste bekannte Laichgewässer der Erdkröte befindet sich im Moment am Südhang der Wanglspitze auf 2317 Meter in den Tuxer Alpen. Pflanzen mit Tieren im Schlepptau wandern seit Jahrzehnten bergwärts.

Aber was will uns der Katastrophensommer 2021 sagen? Er sagt: „Schau mal, was ich heute schon alles kann! Und das ist erst der Anfang.“ Dass die Tief- und Hochdrucksysteme wie diesen Sommer ins Stocken geraten, hat es immer schon gegeben. Das beschreibt schon die jahrhundertealte Siebenschläferregel, wonach „Das Wetter wie am Siebenschläfertag (27. Juni) sieben Wochen bleiben mag.“ Sie bedeutet: Wenn sich das Hoch oder das Tief einmal etabliert hat, will es nicht mehr weg, es ist wie festgefahren. Es bleibt regnerisch oder sonnig oder wechselhaft. Die alte Bauernregel gilt auch heute noch, aber der Klimawandel hat sie gleich doppelt verschärft. Durch den Klimawandel kommt es zum einem öfter zu solchen blockierenden Wetterlagen und zum anderen wirken sie sich schlimmer aus: Vier Wochen Sonne bei 25 Grad ist für die Landwirtschaft kein Problem, vier Wochen bei 35 Grad kann eine verheerende Dürre bringen, weil die warme Luft wie bei Föhn alles austrocknet. Ähnlich ist es bei Regenwetter: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen und Starkregen mit Überschwemmungen und Muren sind wahrscheinlicher. Dabei sind wir heuer in den Alpen noch mit einem blauen Auge davongekommen. Schon nächsten Sommer kann ein Tief über unseren Köpfen einrasten und ein „Alpenhochwasser“ wie 2005 bringen. Oder es frisst sich ein Hoch fest: Dann sind schwere Waldbrände mit lodernden Fichtenwäldern auch in den Alpen möglich.

Das Schlimmste ist aber – und das ist die zentrale Botschaft des Sommers -, was wir heuer erleben, ist erst der Anfang. Es wird noch wärmer werden. Das Klima ist wie ein behäbiger Ozeandampfer in Fahrt gekommen. Wenn wir jetzt zu bremsen anfangen, bringen wir die Erwärmung erst in 20 bis 30 Jahren zum Stoppen. Und wie schaffen wir das? Damit es nicht noch schlimmer wird? Gut bekannt ist, dass wir uns raus aus der fossil betriebenen Wirtschaft in ein nachhaltiges CO2-freies Leben begeben müssen. Weniger bekannt ist vielleicht, dass wir schon in naher Zukunft aktiv Kohlendioxid aus der Luft nehmen müssen, um das Klima in den Griff zu bekommen. Wälder könnten hier der Königsweg sein. Wälder bauen Kohlenstoff aus der Luft in sich ein. Werden aus diesen Wäldern Holzhäuser, wird Kohlenstoff über Jahrhunderte aus der Luft entnommen und in den Gebäuden weggespeichert. Nur eine von vielen denkbaren Möglichkeiten, um die Atmosphäre von unserem fossilen CO2 zu entlasten.

 

Der Sommer hat gesprochen. Für uns alle zu hoffen ist, dass er die Wende in den Köpfen gebracht hat. Es ist noch nicht zu spät.